…in Windeln gewickelt, in einer Krippe…

Gedanken zum Weihnachtsevangelium und zu den Weihnachtskrippen

In den letzten Jahren habe ich mir viele Weihnachtskrippen angesehen. Auf Krippenausstellungen und in Kirchen.

Die große Mehrheit der Weihnachtskrippen stellt dar, was im Evangelium nach Lukas über die Geburt Jesu berichtet wird.

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.
Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft,
und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.
Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war
(Lk 2,1-7)

Und den Hirten wird vom Engel mitgeteilt:

Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.(Lk 2,11-12)

Ich wundere mich, wie es möglich ist, dass man über die Jahrhunderte eine auf dem Weihnachtsevangelium basierende Darstellung der Geburt Jesu in den Weihnachtskrippen akzeptiert hat, in denen das neugeborene Kind halbnackt in einer Futterkrippe liegt. Wenn man den neugeborenen Jesus wirklich halbnackt in eine Futterkrippe gelegt hätte, dann wäre er schnell ausgekühlt, und hätte vermutlich seine Geburt nicht lange überlebt.

Maria und Josef sind warm bekleidet.
Der kleine, neugeborene Jesus liegt bis auf die Windeln nackt in der Krippe.
1

In allen Kirchen, die ich besucht habe, und auch in sehr vielen Weihnachtskrippen auf den
Krippenausstellungen, wurde die Geburt Jesu dargestellt mit dem halbnackten Kind in einer
Futterkrippe. Seine voll bekleideten Eltern sitzen, stehen oder knien daneben.

Jeder, der jemals ein neugeborenes Kind im Arm gehalten hat, das er liebt, dessen Wohlbefinden
ihm am Herzen liegt, würde es niemals halbnackt in einem kalten Stall in einer Futterkrippe
ablegen. Wie ist es möglich, dass man Maria und Josef als so wenig fürsorgliche Eltern darstellt?

Im Stall bei Maria und Josef befinden sich oft ein Ochse und ein Esel. Diese Tiere werden im
Evangelium nach Lukas nicht erwähnt, wurden aber schon in frühchristlicher Zeit zusammen mit der Krippe dargestellt. Das hat dann dazu inspiriert, zu berichten, dass der Ochse und der Esel den neugeborenen, frierenden Jesus mit ihrem Atem gewärmt hätten.

Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, hat dazu eine
Weihnachtsgeschichte2 veröffentlicht “Das Kind, der Ochse und der Esel”. Hier ein Auszug aus der
Geschichte:

“Die Evangelien sprechen nicht von Ochs und Esel, die im Stall neben dem auf Stroh gebetteten Jesus gestanden haben sollen. Aber die Tradition spricht von ihnen. Ihre Geschichte ist ergreifend und gefällt Kindern wie Erwachsenen. Und in diesen ökologischen Zeiten erhält sie eine besondere Bedeutung. Wir möchten die Wahrheit dieser alten Geschichte erzählen, die in jeder Sprache auf eigene Art und Weise erzählt wird.”

Es wird in dieser Geschichte erzählt von zwei alten und kranken Lasttieren, einem Ochsen und einem Esel, die von ihrem Besitzer am nächsten Tag zum Schlachthof gebracht werden sollen.

“Gegen Mitternacht fühlten sie plötzlich, dass sie eine unsichtbare Hand über einen engen Weg zu einem Stall führte. Untereinander sagten sie sich: „Zu was wollen die uns denn jetzt in dieser kalten Nacht zwingen? Wir haben doch zu nichts mehr Kraft!“ Sie wurden zu einer Höhle geführt, in der es ein flackerndes Lichtchen und eine Krippe gab. Sie dachten, sie würden etwas Heu fressen. Aber sie waren ganz verwundert, als sie dort drinnen ein schönes, neu geborenes Kind sahen, das auf Stroh lag und vor Kälte zitterte. Ein darüber gebeugter Mann, Josef, versuchte das Kind mit seinem Atem zu wärmen. Ochs und Esel verstanden sofort. Sie sollten das Kind wärmen. Auch mit ihrem Atem. Sie näherten ihre Mäuler. Als sie die Schönheit und die Ausstrahlung des Kindes bemerkten, zitterten ihre alten Skelette vor Rührung. Und sie spürten eine starke innere Kraft. Mit ihren Mäulern – ganz nahe dran am Kind – begannen sie, langsam über ihm zu atmen, und so wärmte es sich nach und nach.”

Wenn das wirklich stimmen würde, dass Josef versucht, sein frierendes neugeborenes Kind mit seinem Atem zu wärmen, und Maria anscheinend auch nicht weiß, wie sie den kleinen Jesus warmhalten soll, wäre es jetzt wohl an der Zeit den beiden das Sorgerecht für ihr Kind zu entziehen…

Wie ist es möglich, dass die katholische Kirche so eine absurde Geschichte zur Geburt Jesu veröffentlicht?

Hier geht es um die Grundlage des christlichen Glaubens, die Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu, der laut Lehre der Kirche “wahrer Gott und wahrer Mensch” ist. Und dann erfindet man hier so eine Geschichte, in der Jesus’ Eltern völlig versagen und ein Ochse und ein Esel das Kind davor retten an Unterkühlung zu sterben?

Mit dem Glauben an Jesus als Gottessohn ist untrennbar verbunden, dass er auch ein Menschenkind ist, ein Baby mit denselben Bedürfnissen wie alle anderen menschlichen Babys. Und da seine Eltern nach den Erzählungen der Bibel von Gott auserwählt waren (Luk 1,26–38 und Mt 1,18-25) ist doch anzunehmen, dass sie ihren kleinen Sohn mit Sehnsucht und Freude erwartet und sich mit liebevoller Fürsorge um ihn gekümmert haben. Indem Maria und Josef in den Weihnachtskrippen neben der Krippe stehen, oft betend, aber nicht auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehend, verkennt man, wie wichtig die liebevolle, menschliche Fürsorge für Jesus war, genau wie für jedes andere Neugeborene.

Alle Erwachsenen und sogar der Engel, ein himmlisches Wesen, sind gut bekleidet. Der kleine, neugeborene Jesus liegt nackt in der Krippe. Ochs und Esel sind mit ihren Köpfen dicht neben ihm.

Maria und Josef sind gut bekleidet. Der kleine, neugeborene Jesus liegt nur mit einem Hemd bekleidet in der Krippe. Ochs und Esel sind mit ihren Köpfen dicht neben ihm.
Weihnachtskrippe aus der Kirche Saint-Nicaise im Ort Saint-Nic in Finistère

Alle Erwachsenen sind gut bekleidet. Der kleine, neugeborene Jesus liegt, bis auf die Windeln, nackt in der Futterkrippe. Maria und Josef beten vor ihrem Sohn. Ochs und Esel sind mit ihren Köpfen dicht neben der Krippe.

In den Krippenausstellungen findet man auch volkstümliche Darstellungen der Geburt Jesu mit einer Krippe, so wie im Evangelium berichtet. Aber man hat sich offensichtlich Gedanken über das Wohlbefinden des Kindes gemacht hat, denn der kleine Jesus liegt nicht in der Krippe, er ist in den Armen seiner Mutter.

Auf diesem Gemälde von einer Krippenausstellung hat man sich nah am Text des Evangeliums gehalten. Aber Jesus muss nicht frieren, er ist in eine Decke gewickelt in den Armen seiner Mutter oben auf der Krippe.

Maria hält den kleinen Jesus nach der Geburt dicht an ihren eigenen Körper, so kann sie ihr Kind warmhalten.

Maria hält in ihren Armen den neugeborenen Jesus, der fest mit Stoffbinden umwickelt ist, so wie es in vielen Kulturen üblich war und teilweise heute noch ist.

Vielleicht meinte ja der Evangelist Lukas, dass Jesus, wie in der obigen Krippendarstellung, fest in Stoffbinden gewickelt wurde, und nicht einfach nur in Windeln? Warum wurde dann aber das Evangelium trotz dieser Möglichkeit dahin gedeutet, dass Jesus in den meisten Krippen nur mit Windeln bekleidet, nackt in die Futterkrippe liegend dargestellt wird?

In dieser Weihnachtskrippe aus der Ukraine ist der kleine Jesus genau wie die Erwachsenen voll bekleidet. Maria hält Jesus in den Armen. Die liebevolle Fürsorge für das Kind ist wichtig. Auf die Darstellung der Futterkrippe, und auch auf Ochs und Esel, hat man verzichtet.

In den Krippenausstellungen gab es auch mehrere bildliche Darstellungen von Maria und Josef zusammen mit dem neugeborenen Jesus, die die Bedeutung der Fürsorge und Liebe in der ganzen Familie hervorheben.

Maria hält ihr neugeborenes Kind in den Armen. Josef hat den Arm um Maria und das Kind gelegt.

Maria und Josef kümmern sich gemeinsam um ihr neugeborenes Kind.

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Dies ist meine Weihnachtskrippe, die ich vor zwei Jahren gefunden habe:

Maria blickt auf das Kind, das sie in ihren Armen hält. Es zeigt die liebevolle Fürsorge Marias für den kleinen Jesus, der ihr seine Arme entgegenstreckt. Josef ist Maria und dem kleinen Jesus zugewandt. Maria, Josef und der kleine Jesus als eine Familie, die füreinander da ist.

Sollte man nicht annehmen, dass die Liebe von Maria und Josef für den kleinen Jesus auch von großer Bedeutung gewesen ist für die Lehre des erwachsenen Jesus? Für seine Verkündigung der Gottesliebe und der Selbst- und Nächstenliebe als Grundlage für unser Leben und für alles, was wir tun.

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  1. Bis auf ein Foto, stammen alle hier abgebildeten Darstellungen der Geburt Jesu von Krippenausstellungen in Finistère/Bretagne ↩︎
  2. https://adveniat.de/wp-content/uploads/2023/10/Das_Kind_der_Ochse_und_der_Esel.pdf ↩︎

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